Der Tag beginnt wie jeder Tag in Mekerie, auf 2500 Metern über dem Meeresspiegel, mit leichten Kopfschmerzen und übersät von Flohbissen, die höllisch jucken. Die Sonne hat es noch nicht in die herrlich kühlen Lehmhütten geschafft, aber die Hühner und Tauben beginnen bereits mit ihrem allmorgendlichen Tanz auf den Wellblechdächern unserer Behausungen. Ein furchtbarer Wecker!
Das Quietschen meiner Tür weckt die anderen Hamburger mit Herz, die es zum 4. Mal in dieses kleine Dorf im Herzen der Welt verschlagen hat, und so langsam versammeln sich alle gähnend vor den Hütten. Aus der Ferne duftet es bereits nach Feuer, die Vorbereitungen fürs Frühstück laufen.

Ich habe Geburtstag. Zuhause würde mein Telefon heute den ganzen Tag Sturm läuten, aber hier habe ich keinen Empfang.  Ich bin endlich angezogen, habe es irgendwie geschafft, mich frisch zu machen so ganz ohne Wasser, und freue mich jetzt auf das Frühstück in Marys Hütte. Jeden Morgen bereitet sie uns frisches Rührei und Dabo zu, das einheimische Fladenbrot. Dazu gibt es süßen, schwarzen Tee. Das könnte ich immer frühstücken. In Gedanken versunken betrete ich die spartanische Küche.

Plötzlich erschallt ein mir unbekanntes Lied. Was habe ich denn da wieder verpasst? Ach nein, sie singen für mich, merke ich überrascht. Auf dem Boden liegt langes, grünes Gras. Wo haben sie das aufgetrieben, wo draußen doch alles vertrocknet ist? Alle klatschen und lachen. Popcorn wird in großen Körben herumgereicht und es wird frischer Kaffee geröstet. So ausgiebig wurde ich zuletzt gefeiert, als ich ein kleines Kind war. Wir setzen uns alle in ungewöhnlich großer Runde zusammen und genießen dieses besondere Beisammensein. Das liebe ich an Äthiopien: Es ist immer Platz, auch in der kleinsten Hütte. Was für einen wunderbaren Geburtstag die Einheimischen mir „Ferenji“, der Weißen, bereitet haben!

Doch wird in Äthiopien jeder Geburtstag so gefeiert oder wollten unsere Freunde mir eine ganz besondere Freude machen?
Normalerweise wird in Äthiopien kein großer Wert auf Geburtstage gelegt und diese auch nicht gefeiert. Viel lieber feiern die Einheimischen ihre Namenstage, Hochzeiten und Taufen mit rauschenden Festen. Seit den 90er Jahren gibt es in den großen Städten Äthiopiens allerdings den Trend des Geburtstagsfeierns von kleinen Kindern. Mekerie ist jedoch ein kleines Dorf, in dem die Geburtstage der Kinder nicht einmal vermerkt werden. Deshalb können wir bei unseren Patenkinder das genaue Alter auch nur raten.