Funktion im Verein: Sprachlotse und Mentor
…seit wann: Januar 2019

Name: Frederik Struck

Alter: 33 Jahre

Wohnort (Stadtteil): Hamburg Ottensen

Wie bist Du zum Verein gekommen?
Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, mich sozial zu engagieren und wollte sehr gern geflüchteten Neu-Hamburgern beim Deutschlernen helfen. Leider ist es recht schwierig, ein solches Ehrenamt zu finden, welches sich gut mit einem Vollzeitjob verbinden lässt. Ich habe mich dazu mit meiner Freundin Sarah, die sich inzwischen ebenfalls für Hamburger* mit Herz engagiert, gesprochen und zufällig hatte sie gerade über eine Arbeitskollegin von dem Verein gehört. Da war uns beiden klar: Das schauen wir uns mal näher an!

Wie wirst Du wirksam? / Was machst Du?
Seit Anfang des Jahres unterrichte ich Montags eine kleine Gruppe von primär Müttern, die bislang eher rudimentäre Deutschkenntnisse haben. Auch wenn die Verständigung manchmal ein paar Anläufe braucht und die Kinder dank ihrer ganzen Energie gelegentlich vom Unterricht ablenken, liegt darin auch der Reiz und die Freude dieser Aufgabe. Man sieht jede Woche Fortschritte der Teilnehmerinnen.
Zudem bin ich seit ein paar Wochen Teil eines Mentor-Mentee-Tandems. Darüber kann ich also noch nicht viel erzählen, aber ich freue mich total auf den zukünftigen Austausch und meine Horizonterweiterung, wenn mir jemand meine Heimatstadt durch eine ganz andere Brille zeigt.

Was gefällt Dir besonders:
Von Tag 1 an wurde ich von allen Freiwilligen mit offenen Armen empfangen und schon nach wenigen Wochen habe ich das Gefühl, dass ein sehr entspanntes und herzliches Verhältnis innerhalb der Unterrichtsgruppe herrscht. Besonders gefällt mir aber das Gefühl, unmittelbar vor meiner Haustür einen winzigkleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass Menschen, die einen unvorstellbaren Weg hinter sich haben, nun ihr neues Lebenskapitel positiv gestalten können. Gleichzeitig merke ich, wie sehr ich für mich selbst Energie aus dem Ehrenamt ziehe und dass ich mit dem Sprachunterricht ein großes Stück Sinnhaftigkeit in meinen Alltag bringen konnte.

Was würdest Du Interessierten raten?
Kommt einfach vorbei und lasst euch von der Herzlichkeit der Menschen anstecken.

– Alisha schreibt über Inge und Nils –

Hilfebedürftige gibt es in Hamburg viele. Menschen, die helfen wollen auch. Doch wie bringen wir sie zusammen? Fragt man Inge & Nils, bekommt man einen Kaffee und den ganz unromantisch-norddeutschen Blick darauf, was passiert, wenn man jemanden auf der Flucht ein bisschen seiner Ruhe schenkt. Die gute Nachricht: Es ist ganz einfach.

Ich komme mit dem Rad und gehe mit dem merkwürdigen Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Beim Eintreten in die Hamburger Wohnung samt Gemeinschaftsgarten mit Blick auf den Kanal, fällt es schwer nicht zu denken „Die haben alles, das ganze Paket.“ Körperlich und geistig fit, eine schöne, ruhig gelegene Wohnung, ein Fleckchen Grün, Kinder und Enkelkinder, dazu die nordische Gelassenheit. „Was will man mehr?“, fragt man sich, am frisch aufgebrühten Kaffee nippend. Helfen!

Und zwar nicht mit Fanfaren und Floskeln, sonder ganz unglamourös. Mit beiden Händen und vollem Herzen. „Das hat sich einfach so entwickelt“, sagt Inge schulterzuckend, als erkläre das irgendetwas. Und das tut es auch, ich brauche nur noch einen Moment, bis ich es verstehe.

ES GIBT SIE NOCH: SCHLICHTE ZUFRIEDENHEIT

Das Ehepaar – sie Arzthelferin im Ruhestand, er ehemals Pastor – empfangen mich mit offenen Armen und freiem Kopf. Ich darf Platz nehmen, zu Schweizer Schokolade und Geschichten von nebenan. Kaum Distanz, keine Vorurteile, hier hat Schnacken nichts mit Halbwahrheiten zu tun. Die beiden lachen viel, sind unbefangen und unterhaltsam. Wenn Inges Augen leuchten, beginnt Nils zu schmunzeln. Schön, dass es sie noch gibt: Schlichte Zufriedenheit. Ich bin ihr lange nicht mehr so nah gekommen. Willkommen in der heilen Welt.

Sie kommt in leicht bekömmlicher Form von zwei schmucken Mitachtzigern, die noch an das Gute glauben. Schon seit die beiden sich kennen, eben ewig, engagieren sie sich für allerhand. Doch wenn Nils davon anfangen will, winkt Inge ab. Das seien alte Kamellen und tue hier nichts zur Sache. Die zwei möchten ganz offensichtlich keinen Orden für ihr Engagement. Gut, dass ich nur offene Ohren mitgebracht habe.

SIE SAGTE KEIN WORT, KEIN EINZIGES

Seit über fünf Jahren ist das Duo nun schon fester Bestandteil vom HAMBURGER*MIT HERZ e.V. Erst als improvisierende Deutschlehrer, später – bis heute – als Mentoren einer geflüchteten Familie aus Eritrea. Wenn sie ihre Erfahrungen teilen, ist es, als würde man hinter einen Vorhang lugen. Diesem Vorhang, der einem oft so hinderlich den breiten Horizont verwehrt, der Unterschied zwischen Hörensagen und Sehen. Die beiden sehen. Sie sehen wie Mohamed von Kitatür zu Kitatür pilgert, um seinen Kindern einen Platz zum Bleiben zu finden. Dass die Eltern niemals müde werden, die Sprache zu lernen, wie wahnwitzig die Fragen des B1-Testes auch sein mögen. Sie sehen, wie der Gang zum Arzt, das Ausfüllen einer Mieterauskunft, das Dechiffrieren der Amtspost zu einem Staatsakt wird, wenn man alleine in der Fremde steht. Wie doch dotierte Wissenschaftler 18-seitige Gutachten erstellen, um wirklich ganz sicher zu gehen, dass die Familie eritreisch spricht. Sie sehen, wie die 26-jährige Jameila mit einem Kind an jeder Hand, in einem Land, dessen Sprache sie oft nicht versteht und Regeln sie nicht kennt, versucht eine Wohnung zu finden. Eine Wohnung. In Hamburg. Auf der Flucht. Geduld ist hier die Währung, doch davon scheinen alle vier zum Glück reichlich im Gepäck zu haben.

SIE ESSEN INJERA UND SINGEN ZUSAMMEN „OH TANNENBAUM“

 „Sie sagte kein Wort“, erinnert sich Inge. Kein einziges Wort, als Jemeila sich eines Tages zu Inge an den Tisch im Gemeindesaal setzte, um Deutsch zu lernen. „Doch sie kam wieder. An unseren Tisch. Und ich sah sie an und wusste: Diese junge Frau lässt du jetzt mal nicht in Ruhe. Die soll sich hier auch gerade machen dürfen.“ Denn Jameila machte sich ganz klein. Klein und unsichtbar, in einem Land, dass sich bis heute uneins zeigt, wer darin warum willkommen ist. Hier scheint guter Rat oft teuer. Doch findet man ihn kostenlos, kommt er wie hier von Herzen.
Der Rest habe sich dann ganz organisch entwickelt, sagen die beiden und sprechen über die letzten drei Jahren als wäre es unser aller Alltag. Sie feiern gemeinsam Weihnachten, singen laut „Oh Tannenbaum“, essen Injera und teilen Sorgen und Kulturen, an Sonnentage sogar mit Planschbecken im Garten. Wie das kam, frage ich Inge und wundere mich über die Beiläufigkeit ihrer Worte. „Ich sagte zu Jameila, wenn sie Lust habe, könnten sie uns mal besuchen kommen. Und sie hatten Lust.“

NILS KENNT DAS GEFÜHL, ALS NEUER IN DER FREMDE ZU STEHEN

Aus dem unverbindlichen Angebot ist inzwischen eine Freundschaft gewachsen. Für Nils hat das im Grunde wenig mit Helfen zu tun, sondern illustriert vielmehr den Sinn des Lebens. Zugegeben, er hat einen kleinen Platzvorteil, denn er ist selbst zweimal geflüchtet. Und obgleich er die Sprache konnte, kennt er das Gefühl sehr gut, als Neuer in der Fremde zu stehen.

„Das kann man nicht so lassen, da muss man helfen“, sagt er mit einem ernsten Schimmer in den Augen, denn das, was folgt, ist wichtig: „Jeder erinnert sich selbst an Situationen, wo Einzelne einem geholfen haben. Das sind solche Inseln im Leben, an die man sich gerne erinnert und die auch ganz wichtig gewesen sind.“ Wichtig, um weiterzukommen. Wichtig, um endlich anzukommen. Und in der Einfachheit seiner Worte schlummert wie immer ihre Essenz. 

EGAL, WO MAN NEU ANFÄNGT, ES WARTEN DIE IMMER GLEICHEN PROBLEME

Wir alle kennen verschlossene Türen und schwierige Momente, suchen Wohnungen und Kitaplätze, Jobs und Freunde, Anschluss und Hilfe. Keiner kommt hier alleine klar. Flüchtlinge sind da weder eine Ausnahme noch ein besonders schwerer Fall. Denn egal wo man neu anfängt, gezwungen oder gewollt, warten die immer gleichen Probleme – oft banaler Natur und verhältnismäßig leicht zu lösen. Wirklich schwer wiegen sie es erst ohne Hilfe. „Nicht: Da sind wir und da seid ihr. Sondern symbiotisch. So wie es nun mal in der Natur natürlich ist. Der eine lebt mit dem anderen zusammen, die tauschen sich aus und helfen sich gegenseitig. Das ist doch einfach nur sinnvoll“, sagt Nils und ich nicke, weil ich endlich verstanden habe, was die Zwei längst wissen: Man kann schon helfen, bevor man alle Antwort hat. Der Rest ergibt sich. Das klingt erst zu einfach, dann ziemlich schön und am Ende irgendwie nach „Wo soll ich mit anpacken?“ Und auch die Antwort darauf ist ganz leicht: Direkt ums Eck, z.B. im Mentorenprogamm des HAMBURGER*MIT HERZ e.V. Das ginge auch mit weniger Zeit und Lebenserfahrung, wird mir mit Ehrenwort versprochen. „Jeder hat seine eigene Geschichte und kann etwas Gutes dazu beitragen“, lächelt Inge. „Man muss ja nur mal den Hinter hochkriegen.“ Nils lacht wissend, ganz ohne erhobenen Zeigerfinger, versteht sich.

JEDER HAT SEINE EIGENE GESCHICHTE UND KANN ETWAS GUTES DAZU BEITRAGEN

Wo wollen wir also hin? Weiter. Eine Wohnung für die vier finden, sie einrichten, Mohamed beim B1-Test unterstützen, um damit die formale Voraussetzung für den Ausbildungsplatz in den Händen halten. Die praktische hatte er schon immer im Gepäck.

„Endlich zu Ruhe kommen“, schließt Inge. Der Familie einen Ort finden, an dem sie menschenwürdig leben können, mit einem eigenen Klo und einer Chance auf Zukunft. „Wenn das endlich so weit wäre, könnte man mal loslassen und dann einfach nur da sein“, fügt sie so bedächtig hinzu, das wir wirklich kurz innehalten.

„Dann können sie uns endlich mal entspannt besuchen“, ruft Nils in die Ruhe und wir lachen so herzlich, das ich mit einem Schmunzeln gehe. Und als ich mich, Zuhause angekommen, noch immer über die Leichtigkeit dieser tollen Begegnung wundere, fällt mir plötzlich ein, was ich wohl längst vergessen hatte: Es kann so einfach sein.

Seit wann bist du Mentor für den Hamburger mit Herz e.V.?

Vor ziemlich gut einem Jahr, im November 2017, haben Kahsay und ich unseren Mentoren-Vertrag unterschrieben.

Wie bist du dazu gekommen? Was waren deine Beweggründe dafür Mentor zu werden?

Wir waren auf der Demo „Hamburg zeigt Haltung“, mit der wir ein Gegengewicht gegen diese Krawalle beim G20-Gipfel zeigen wollten. Dort hatte der Verein „Hamburger mit Herz“ einen Stand, auf dem sie ihre Arbeit vorstellten. Mir hat das eingeleuchtet, dass man Hilfe gut brauchen kann, wenn man sich in unserer Gesellschaft zurechtfinden muss.

Wer ist dein Mentee? Was ist das Besondere an ihm, was macht ihn aus? Welche Gemeinsamkeiten habt ihr?

Kahsay ist etwas über 40. Er hat keine Frau und keine Kinder, wohnt alleine – noch immer in einer Geflüchteten-Unterkunft in Langenhorn. In Eritrea war er Gabelstaplerfahrer und hat hier mit Erfolg eine Ausbildung zum Transport-Logistiker gemacht. Seit März arbeitet er im Schichtdienst im Hafen.
Ich finde seine Zeichnungen sehr beeindruckend. Er macht oft sehr detailgenaue Sketches z.B. von den Geräten und Maschinen, mit denen er im Hafen hantieren muss. Ich würde so gerne eine kleine Ausstellung mit seinen Bildern organisieren, aber leider fehlt mir der Ansatz, wie ich das machen kann.

Wie gestalten sich eure Treffen? Was unternehmt ihr gerne zusammen? Kannst du vielleicht sogar von einem Erlebnis kurz erzählen?

Meistens treffen wir uns an den Montagen in der St. Markus-Gemeinde. Da finden die Sprachkurse von Hamburger mit Herz statt, an denen Kahsay fleißig teilnimmt, um sein Deutsch zu verbessern. Ich komme dann für eine halbe oder eine Stunde dazu und wir besprechen, was so anliegt.

Wobei kannst du ihn unterstützen? Was hat sich durch euer Mentoring schon für ihn positiv verändert?

Zurzeit Moment versuchen wir ihn aus dem Geflüchtetenheim heraus zu bekommen. Aber das ist nicht einfach. Ich glaube, dass ich hilfreich für ihn bin, wenn es um Briefe von den Behörden geht und solchen Sachen. Ich bin auch mit den Betreuern von Fördern und Wohnen im Geflüchtetenheim im Kontakt. Wenn sie Fragen oder Wünsche an ihn haben, kann ich vermitteln. Meine Erfahrungen mit den Leuten sind auch sehr positiv. Ich habe schon den Eindruck, dass sie sich um ihre Schützlinge kümmern und sie unterstützen, so gut sie können.

Was kannst du gleichzeitig von ihm lernen? Was ist der „Gewinn“ für dich?

Vor allem habe ich für mich das Gefühl etwas nützliches zu tun.

Hast du Wünsche für deinen Mentee? Was würdest du ihm gerne auf den Weg geben?

Ich glaube, er möchte gerne seinen Bruder mit dessen Familie nachholen. Es wäre toll, wenn das klappen würde. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass er noch etwas besser Deutsch lernen müsste und sich endlich mit dem PC anfreunden 😉

Möchtest du sonst noch etwas zum Mentorenprogramm im Allgemeinen als Feedback geben?

Ich finde das Programm eine tolle Sache und bin von den Leuten bei „Hamburger mit Herz“ begeistert. Sie haben immer etwas „auf der Pfanne“ und neue Ideen von uns Mentoren werden aufgenommen und weiterverarbeitet. Die gemeinsamen Feste bringen uns alle zusammen. Hat schon was von „großer Familie“.

 

von Valentin Asensio

Vielleicht erinnern Sie sich noch, Ende April war die Hamburger Innenstadt vom Marathon-Fieber befallen. Wir von HAMBURGER*MIT HERZ waren ebenfalls infiziert und haben gleich drei Staffeln mit insgesamt zwölf Läufern an den Start gebracht, die bei herrlichstem Sonnenschein gemeinsam eine tolle sportliche Leistung erbracht haben.
Es gab insgesamt vier Staffelabschnitte von 16,3km, 11,2km 5,4km und 9,4km. Das Wunderbare: Alle Läufer von HAMBURGER*MIT HERZ haben ihren Streckenabschnitt mit Bravour gemeistert! Die Staffelläufer kamen alle aus unseren Sprachlotsen-  bzw. unserem Mentoring-Projekt. Beim Lauf haben die Jungs wirklich alles gegeben und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Alle drei Staffeln haben es in die Top 100 der Staffelläufer geschafft.

Platz: 23 (HAMBURGER*MIT HERZ e.V. II)
Platz: 38 (HAMBURGER*MIT HERZ e.V. I)
Platz: 100 (HAMBURGER*MIT HERZ e.V. III)

Wir als Verein sind natürlich besonders stolz und freuen uns, mit allen SchülerInnen und Mentees zusammen.
Ein riesiges Lob und Dankeschön an alle ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer: Ohne eure Unterstützung am Marathontag hätten wir gar nicht erst antreten können. Danke für das frühe Aufstehen, die Spitzen-Hilfe und euer Mitfiebern. Ihr seid klasse!

Ich freue mich schon total auf nächstes Jahr!

von Anja Werner

An einem der ersten warmen Abende, die uns dieser Frühling bescherte, traf ich mich mit ein paar Freunden im „Karls Café & Weine“ – einem äthiopisch-eritreischen Restaurant in Ottensen. Mit dabei war Bethlehem – Bethi, eine junge Eritreerin und Neu-Hamburgerin. Ich hatte sie dazu eingeladen, die Speisen aus „Karls Café“ zu probieren und dabei von den typischen Gerichten ihrer Heimat und den besonderen Ritualen rund ums eritreische Essen zu erzählen.

Ich war als Erste beim Lokal und wurde sofort von einem herrlichen Mix aus Weihrauch- und Popcorn-Duft empfangen, der aus dem kleinen Lokal auf die Straße wehte. Alex, der Inhaber, stellte sich mir vor und ließ mich den schönsten Platz aussuchen. Ich wählte einen kleinen Tisch im Außenbereich. „Geh auch mal rein“ sprach er ganz vertraut mit mir, „und sieh dir alles an.“ Das ließ ich mir natürlich nicht nehmen. Im Gastraum duftete es nach Kaffee, der den ganzen Abend über in einer Kaffee-Zeremonie zubereitet wird. Nein, hier drückte natürlich niemand auf den Knopf des Vollautomaten, vielmehr saßen zwei junge Afrikanerinnen zusammen und brühten nach alter Tradition den weltberühmten äthiopischen Kaffee auf. An den Wänden hingen landestypische Bilder, Flaggen und Trachten, auf den Schränken stand äthiopische und eritreische Handwerkskunst. Sogar der Fußboden war authentisch mit Gras und Blumen ausgelegt.

„Dieses Gras steht für den Segen der Fruchtbarkeit“ erklärte Bethi, die gerade dazugekommen war, und lachte – also besser schnell wieder raus. Der Rest meiner Freunde war bereits eingetroffen, wir setzten uns und bestellten Wein. Bethi blieb bei Wasser. „Wein schlägt mir auf den Magen“, erzählte sie uns, „das war schon immer so. Auch die Schärfe unserer Speisen vertrage ich nicht immer so gut.“ Bethi stammt aus Eritrea, ist 30 Jahre alt, lebt seit etwa drei Jahren in Hamburg und ist gläubige Christin. „Ich koche hier sehr oft die Gerichte, die ich von meiner Mutter gelernt habe, besonders an Feiertagen, nur gibt es manchmal nicht die gleichen Zutaten wie zuhause oder sie heißen anders.“ So hatte sie einmal Freunde gebeten, ihr Gehacktes mitzubringen, um daraus eine typische Speise aus ihrem Heimatland für sie zu kochen. Gemeint hatte Bethi Fleisch, das, wie in Eritrea üblich, mit dem Messer gehackt wird – wie eine Art Gulasch. Doch wer bei uns Gehacktes bestellt, bekommt Mett. Mett kennt die eritreische Küche jedoch gar nicht. Bethi musste also improvisieren und hat dennoch etwas Leckeres gezaubert.

In Karls Restaurant gab es dann ein Menü in drei Gängen. Man kann es mit Fleisch, als vegetarische Speisen und vegane Alternative bestellen. Vor dem Essen wurde uns eine Kanne mit Wasser und eine Schale gereicht, in der wir unsere Hände wuschen, denn in Eritrea isst man mit der Hand. Die Vorspeise: drei verschiedene Brote, drei verschiedene Aufstriche und Mus-Arten sowie ein Schälchen mit einem leckeren, frischen Linsensalat. Das Brot mit der getrockneten Tomate kommt mir allerdings spanisch vor – das kann ich mir nicht als eritreische Spezialität vorstellen. Gibt es das wirklich in Eritrea? „Ja, ganz genau so,“ sagte Bethi.

Der Hauptgang für fünf Personen kam dann auf einem riesigen, runden Teller, der in die Mitte des Tisches gestellt wurde. Ein Injera-Fladen lag auf dem wagenradgroßen Teller zuunterst, darauf die verschiedensten Gemüse, Soßen und Hähnchenbeine. Dazu brachten uns die Kellnerinnen weitere gerollte Injera. Bethi riss ein Stück des Fladens mit ihrer linken Hand ab, das sah mit einer Hand schon ziemlich akrobatisch aus, fuhr damit in die Soße und, jetzt wird’s spannend, steckte es ihrem Sitznachbarn in den Mund. „Bei uns ist das ein Zeichen des Respekts. Wir füttern die Menschen, denen wir Respekt zollen.“ Auch wir anderen waren nun eifrig am Füttern.

Bereit standen außerdem eine große Schale mit Hühnerbeinen für uns alle und ein Schälchen mit körnigem Frischkäse. „Der Frischkäse neutralisiert übrigens die Schärfe der anderen Speisen. Wem das Essen zu scharf wird, der rührt sich Frischkäse unter“, erklärt Bethi und nimmt sich einen großen Löffel davon. Ich genieße die Schärfe und finde sie sehr angenehm.

Während des Essens stellen wir Bethi viele Fragen, wir sind richtig neugierig geworden:

Welche Grundnahrungsmittel habt ihr in Eritrea?

Unsere Injera-Fladen sind aus Teff-Mehl und sogar glutenfrei. Es gibt reichlich Kohl: Grünkohl, Weißkohl, all sowas. Außerdem machen wir viele Soßen oder Salate mit Linsen. Wenn man sie zerstampft, bekommt man sämige Soßen davon. Und an alles geben wir getrocknete Chilischoten, sie wirken antibakteriell.

Sieht euer Ernährungsplan viele tierische Produkte vor?

Ein sehr bekanntes Gericht enthält ein Hühnerbein und ein gekochtes Ei, aber eigentlich ernähren wir uns größtenteils vegan. Zu Fastenzeiten verzichten wir ganz auf tierische Produkte.

Wie oft fastet ihr denn?

Zweimal in der Woche für einen ganzen Tag und mehrmals im Jahr für mehrere Wochen.

Gibt es etwas, das man bei Tisch nicht tut?

Man leckt sich nicht die Finger ab. Meine Mutter hat immer geschimpft, wenn ich das als Kind getan habe.

Wie behandelt man Gäste? Ist das wie bei uns?

Ja, es ist sehr ähnlich. Der Gast bekommt immer zuerst und immer das beste Stück. Er wird mit ein paar Happen gefüttert und bekommt von allem am meisten. Gastfreundschaft wird bei uns großgeschrieben.

Erinnerst Du Dich an einen Brauch, der bei euch zuhause immer eingehalten wurde?

Zu jedem gemeinsamen Essen hat mein Vater zuallererst jedem Familienmitglied ein Stück Injera gereicht, das wir ohne Soße aßen. Danach begann das eigentliche Essen.

Wir plauderten noch lange mit Bethi. Ich fand es bemerkenswert, wie das Essen von einem gemeinsamen Teller unsere Gruppe im Laufe des Abends immer vertrauter gemacht hat – oder war es das Essen mit den Händen? Insgesamt war es jedenfalls ein weitaus innigeres und gemütlicheres Zusammensein, als eine Mahlzeit in einem schicken Hochglanzrestaurant, bei der man sich gegenübersitzt.

Und wie fand Bethi das Essen bei „Karls“ und den gemeinsamen Abend? „Es war toll und hat nach Zuhause geschmeckt.“

Abderrahman Aloui (28) und Robiel Hadish (21) sind Freunde. Der eine ist in Hamburg geboren und aufgewachsen, der andere ist vor zwei Jahren von Eritrea nach Hamburg geflüchtet. Kennengelernt haben sich die Beiden beim Sprachunterricht von HAMBURGER*MIT HERZ, heute sind sie Mentor und Mentee. Wie das funktioniert und was die Beiden besonders aneinander schätzen, lesen Sie hier.

Valentin Asensio von HAMBURGER*MIT HERZ: Wie habt ihr beide euch kennengelernt?
Abdu:
Ich habe mich bei HAMBURGER*MIT HERZ bereiterklärt, für einen Mentee da zu sein und wollte gern jemanden kennenlernen, der aus Eritrea kommt und geflüchtet ist.

Wie bist Du zu HAMBURGER*MIT HERZ gekommen, Robiel?
Robiel:
Ich wollte Deutsch lernen, habe den Deutschkurs für etwa fünf Monate besucht und habe hier dann Abdul kennengelernt. Das war nach meinem Integrationskurs. Anfang März habe ich auch meine nächste Sprachprüfung: B1. Ich habe in einem Hamburger Refugee-Café gehört, dass man bei euch Sprachkurse besuchen kann. Meine Freunde haben mich dann einfach mal mitgenommen.

Robiel, war Hamburg Deine erste Station in Deutschland?
Robiel:
Ich habe mich in der Schweiz als Geflüchteter registrieren lassen. Dann war ich etwa zwei Wochen in Frankfurt bevor ich nach Hamburg gekommen bin. Ich habe gehört, dass es hier sehr schön sein soll.

Was machst Du gerade, Abdu?
Abdu:
Ich studiere momentan noch bis Ende Juli an der HAW, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, „Mediasystems“. Das geht in Richtung Informatik, Programmieren, App-Entwicklung, Webdesign.

Habt ihr beiden euch sofort gut verstanden oder musstet ihr euch erst ein bisschen aneinander gewöhnen?
Abdu:
Wir haben uns zuerst hier bei HAMBURGER*MIT HERZ getroffen und direkt ein erstes Treffen vereinbart. Wir haben bei mir zuhause Tee getrunken und uns in Ruhe darüber ausgetauscht, wie Robiel hierhergekommen ist und was ich so mache.

Habt ihr schon viel zusammen unternommen?
Abdu:
Bei unserem zweiten Treffen waren wir zusammen essen in der Schanze und Robiel ist auch schon mal bei uns im Wohnheim an die Bar gekommen oder wir haben zusammen gekocht.

Wie oft seht ihr euch?
Abdu:
Alle zwei bis drei Wochen. Das liegt gerade daran, dass ich momentan so stark an der Uni eingebunden bin. Wir möchten uns nämlich gern etwas häufiger sehen.
Robiel: Und ich bin momentan jeden Tag in der Schule und habe dreimal die Woche Nachhilfe in Grammatik nachmittags im Refugee-Café.

Was mögt ihr denn besonders am anderen?
Abdu:
Robiel ist richtig bemüht, alles gut zu schaffen. Immer, wenn ich mit ihm rede, merke ich, wie er besser wird mit der Sprache. Er ist sehr bemüht, Arbeit zu finden und Deutsch zu lernen und hat mir gesagt, dass er gern noch mehr mit Deutschen zu tun hätte, um noch besser Deutsch lernen zu können.

Robiel, hast Du ein Ziel, auf das Du hinarbeitest?
Robiel:
Weitermachen mit meinem Deutsch, erst B1, dann B2 und dann würde ich gerne eine Ausbildung machen. Ich habe früher in Eritrea als Automechaniker gearbeitet und habe in Deutschland ein Praktikum gemacht zwei Wochen lang. Und ich würde gern noch mehr Praktika machen.

Ist Dir am Anfang irgendetwas besonders aufgefallen, als Du nach Deutschland gekommen bist?
Robiel:
Die Leute stehen zum Beispiel in der S-Bahn nicht auf für ältere Menschen. Das gibt es in Eritrea nicht. Wenn ich hier aufstehe, wollen die Leute das manchmal gar nicht und fragen mich, warum ich das mache.

Was machst Du gern in Deiner Freizeit?
Robiel:
Ich gehe sehr gern spazieren, treffe Freunde oder gehe ins Fitnessstudio. Damit habe ich gerade angefangen, zwei- bis dreimal die Woche.
Abdu: Ich gehe regemäßig zum Fußballspielen und will da jetzt auch Robiel mal mitnehmen.

Gibt es etwas, Robiel, wofür Du Abdul dankbar bist?
Robiel:
Ja, dafür, dass er mein Freund ist. Er zeigt mir, was man hier alles machen und lernen kann und wir haben viel Spaß zusammen.
Abdu: Ich versuche, Robiel bei organisatorischen Dingen zu unterstützen. Aber er ist einfach immer schneller als ich. Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, hat er das dann schon selbst erledigt (beide lachen). Das finde ich schon echt gut an ihm. Er kümmert sich und versucht, sich sein Leben hier so gut wie möglich aufzubauen.

Abdu, was hast Du von Robiel gelernt?
Abdu:
Ich habe viel über sein Heimatland erfahren und davon, wie er früher gelebt hat. Das hat mich geprägt, weil ich das erst gar nicht glauben konnte. Und ich finde es einfach bewundernswert, wie er das alles hier gemanagt bekommt. Das fällt mir ja schon manchmal schwer, da kann ich echt noch von ihm lernen, von dieser Zielstrebigkeit.