Auf meinem Weg nach Mekerie, den ich dieses Mal von Addis Abeba komplett mit dem Auto bewältigte, begleitete mich zum ersten Mal ein alter Bekannter, der Äthiopier Bereket Dessie. Bereket wuchs als Halbwaise, in einem Waisenhaus auf (Hier der Link zu: Einblicke in ein anderes Waisenhaus in Addis Abeba), dem Selam in Addis Abeba. Heute leitet er selbst ein eigenes Projekt in dem Dorf Zew Mariam im Norden Äthiopiens, das mit einem Hilfsverein aus der Schweiz korrespondiert.

Während wir den Staub der Straßen Äthiopiens hinter uns aufwirbelten, erfuhr ich viel von meinem Freund und seinem Projekt. Er ist ein sehr fürsorglicher und hilfsbereiter Mensch. In Zukunft will uns Bereket dabei helfen, besser Kontakt nach Mekerie halten zu können, wenn gerade kein Vertreter von HAMBURGER*MIT HERZ vor Ort sein kann. Bestellungen, Einkäufe, Dolmetschen, das Organisieren von Fahrzeugen, Abläufen oder Bürokratie kann Bereket uns in Teilen abnehmen und so schon Vieles vorbereiten, sodass in Zukunft unsere Reisen sehr viel effizienter und planbarer werden würden. Er ist auch bereit, vor unserer Ankunft nach Mekerie zu reisen, um sicherzustellen, dass die passenden Komitees tagen können, wenn wir dort sind.

Geplant war unsere Tour so, dass wir von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, in die Stadt am Tanasee nach Bahirdar fahren, um dort eine letzte Nacht in einem Hostel verbringen zu können und die Einkäufe abzuholen, die wir in beiden Dörfern brauchen würden, um dann gleich am nächsten Tag nach Mekerie aufzubrechen.

Gesagt, getan! Als wir in Mekerie ankamen, wurden wir, wie immer, mit offenen Armen empfangen. Obwohl ich schon bald 20 Mal bei den Menschen vor Ort war, teils völlig ohne jeden Dolmetscher, und ich von mir behaupten würde, mich phantastisch mit den Einheimischen zu verstehen, ist es doch eine große Hilfe, einen Dolmetscher an seiner Seite zu wissen, dem man vertraut. Bereket war nicht nur ein hilfreicher Dolmetscher, sondern brachte sich mit seinem Know-how auch gewinnbringend in die Ideen zu „unserem“ Dorf mit ein.

Zuerst ist zu sagen, dass ich mit dem Bau der Wasserleitung (von der Quelle bis hinab zum Dorf) und dem dazugehörigen Wassertank/Zwischenbehälter (im Dorf) sehr zufrieden bin. Bei meiner Ankunft wurden gerade noch die letzten Bauarbeiten erledigt und ich konnte die neue Frischwasser-Zapfstelle als einer der ersten ausprobieren. Am Wasserdruck könnten wir noch etwas arbeiten, aber dieses wirklich saubere Wasser aus den Bergen ist ein Segen für die Menschen, die sich bisher aus Brunnen versorgen mussten, in denen es einfach schneller zu Verunreinigungen kommen kann.

Diese Zapfstelle wird vor allem den Mädchen von Mekerie das Leben erleichtern, da sie nun nicht mehr von Brunnen zu Brunnen wandern müssen, um kilometerweit schwere Wasserkanister nach Hause zu tragen. Die Beschaffung des Wassers ist in Äthiopien Frauensache und allzu oft also auch die Sache der älteren Mädchen der Familien.

Ich habe auch noch eine weitere Bekannte getroffen. Missaue geht es viel besser und sie muss jetzt nur noch halbjährig zu medizinischen Kontrollen nach Bahir dar. Für die Fahrten und Medikamente konnte ich ihr aus dem Sozialfond die nötigen Birr übergeben und sie war sehr dankbar dafür.

Ein großes Thema in Mekerie ist der Bau des Grundschulgebäudes, dessen Antrag nun zur Prüfung auf dem Tisch der Zuständigen Behörde in Eesti vorliegt.

Unsere Exkursion führte uns auf dem Weg nach Zew Mariam auch durch Debre Tabor, wo ich Bamlaku traf. Den Jungen, der noch vor einigen Jahren zu erblinden drohte, schließt nun schon im nächsten Jahr seine Ausbildung als Krankenpfleger mit Schwerpunkt auf Psychiatrie ab. Er sieht gut aus. Ich habe mich gefreut ihn zu treffen und zu sehen, was aus einem Menschen werden kann, dem die Hand gereicht wurde. Wäre Bamlaku damals erblindet, würde er heute nur als Bettler leben. In Äthiopien gibt es für blinde Menschen keinerlei Hilfe oder Hilfsmittel.

Zew Mariam ist ein wunderschön gelegenes Dorf im Hochland. Es ist vergleichbar mit Mekerie und ich habe die Zeit dort sehr genossen. Auch dort wurde eine Schule gebaut, eine Solaranlage und es weißt viele Parallelen zu Mekerie auf.

Es gibt viel zu tun in Äthiopien und immer mehr Einheimische machen sich ans Werk, um ihrem Land zu einer besseren Zukunft zu verhelfen.

Ich empfinde die Äthiopier als sehr besonderen Menschenschlag, sie sind gastfreundlich, hilfsbereit und bereit anzupacken, um eine bessere Zukunft zu schaffen. Sie sind gewohnt in großen Zeiträumen zu denken: bis zur nächsten Regenzeit, bis zur Ernte, aber auch bis zum hohen Alter, wobei kein Staat für sie eine Rente bereithält. Die Familie steht im absoluten Mittelpunkt der Menschen Äthiopiens und eine Reise in dieses wunderschöne Land tut mir deshalb immer wieder gut.

Euer Fredy / Alfred Brendler

#KULTURVERSTÄRKER

– Ein Kultur-Patenschaftsprojekt von HAMBURGER*MIT HERZ e.V. –

Heute möchten wir Euch unser Tandem Marwa & Christiane aus dem Projekt #Kulturverstärker vorstellen. Seit Ende Januar dieses Jahres sind beide ein fester Bestandteil von #Kulturverstärker und haben bis jetzt schon viel gemeinsam erlebt.
Während Marwa durch ihr großes Interesse an Theater & Schauspiel auf uns aufmerksam wurde, suchte Christiane ein neues Ehrenamt – so kam es zum Match zwischen den beiden.
Ob Ernst Deutsch Theater, Hamburg Dungeon, Chocoversum oder Schauspielhaus – ihre Kulturbesuche sind ein bunter Mix aus allem, was die Hamburger Kulturlandschaft zu bieten hat. Vor allem vom Poetry Slam waren beide hellauf begeistert: „Das war das erste Mal, dass ich da war – ich fand’s echt mega cool!“ schwärmt Marwa vom Poetry Slam. Und auch vom Stück „Ellbogen“ im Schauspielhaus waren beide so fasziniert, dass sie sich im Nachgang noch angeregt über das tiefgründige 1-Personen-Stück austauschen mussten.
Wenn man mit den Beiden spricht, merkt man, dass die Chemie einfach stimmt: „Christiane ist wie eine Oma für mich, die ich nie richtig hatte, da meine eigene im Ausland lebt“, sagt Marwa.
Trotz Schulstress freuen sich beide auf die kommende Zeit und die neuen Erfahrungen, die sie zusammen sammeln werden.

 

Das Projekt #Kulturverstärker wird unterstützt durch „Landungsbrücken – Patenschaften in Hamburg“ und ist ein Projekt der BürgerStiftung Hamburg, in Kooperation mit dem Mentor.Ringgefördert aus Mitteln des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

#KULTURVERSTÄRKER

– Ein Kultur-Patenschaftsprojekt von HAMBURGER*MIT HERZ e.V. –

Am 28.01. fand die erste Auftaktveranstaltung unseres Projekts #Kulturverstärker im Rahmen eines Poetry-Slams im Ernst Deutsch Theater statt. Nach einer kleinen Kennenlernrunde der rund 16 #Kulturverstärker-Tandems ging es mit versammelter Mannschaft zur Poetry-Slam-Vorstellung. Thematiken wie Bildung, Gender oder lediglich die pure Poesie der Gedichte und Texte regten zum Lachen an und berührten zur gleichen Zeit.
„Das war mein erster Poetry-Slam. Ich fand’s super und hoffe, dass ich hier noch öfter hinkommen kann“, sagte eine der Jugendlichen.
Alles in allem waren Mentees sowie Mentoren rundum zufrieden und planen schon fleißig ihre zukünftigen Kulturbesuche.

Das Projekt wird unterstützt durch „Landungsbrücken – Patenschaften in Hamburg“ und ist ein Projekt der BürgerStiftung Hamburg, in Kooperation mit dem Mentor.Ringgefördert aus Mitteln des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

#KULTURVERSTÄRKER

– Ein Kultur-Patenschaftsprojekt von HAMBURGER*MIT HERZ e.V. –

Viele Jugendliche kennen Theater und Museen nur von außen. Das wollen wir ändern und neue Perspektiven schaffen.

Das neue Mentoring-Projekt richtet sich an Hamburger Jugendliche, denen es aufgrund von sozialen, familiären oder finanziellen Gründen bisher verwehrt blieb, Kultur zu erleben. Das Projekt vermittelt 1-zu-1-Patenschaften, die den Jugendlichen eine persönliche Begleitung und einen Einstieg ins Hamburger Kulturleben ermöglichen.

Inzwischen haben wir bereits mehr als 20 kulturbegeisterte Mentoren*gefunden. Die Absprachen mit den Schulen laufen und wir hoffen auf die ersten Zusagen von Schülern in den nächsten zwei bis drei Wochen. Wir werden dann in Etappen mit dem Projekt starten, erste Kulturveranstaltungen werden geplant. Die Jugendlichen bekommen einen Einblick in die Vielfalt der Kulturlandschaft, können sich mit ihrem/r Paten/in über die besuchten Veranstaltungen austauschen und neue Interessen entdecken.

WERDEN SIE PATE:

Wir suchen kulturbegeisterte Menschen, die Offenheit und Toleranz gegenüber Jugendlichen mitbringen und im genannten Zeitraum zeitlich flexibel sind. Die Veranstaltungen werden hauptsächlich am Wochenende oder auch abends unter der Woche stattfinden.

Der Eintritt in die Veranstaltungen wird für die Ehrenamtlichen vergünstigt bzw. kostenlos sein.

Nächste Infoveranstaltungen finden statt am: Do. 17.1. 19:00 Uhr und Di. 29.1. 19:00 Uhr in der Herzkammer.

Ihr Ansprechpartner für weitere Infos und Anmeldung: denise.friedrichsen@hamburger-mit-herz.de

Das Projekt wird unterstützt durch „Landungsbrücken – Patenschaften in Hamburg“ und ist ein Projekt der BürgerStiftung Hamburg, in Kooperation mit dem Mentor.Ringgefördert aus Mitteln des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Begegnungsstätte mit Sprachtreff, kultureller Unternehmungen und kreativer Praxis.  Ein Integrationsprojekt von HAMBURGER*MIT HERZ e.V.

von Anna Punke-Dresen

Einmal durch die Elbphilharmonie laufen? In der ersten Reihe bei einer Jazz-Session sitzen? Staunend bei einem Poetry Slam zuhören? Wir freuen uns, dass wir ab Ende August solche und noch viel mehr spannende Kulturveranstaltungen zusammen mit Geflüchteten und Freunden des Vereins HAMBURGER*MIT HERZ besuchen werden.

Dank der Förderung des „FREIRÄUME!“ Fonds für kulturelle Projekte mit Geflüchteten können wir über mehrere Monate vielfältige Veranstaltungen und Ausflüge in Hamburg und Umgebung gemeinsam besuchen und damit gesellschaftliche Teilnahme und Zugang zu kulturellen Angeboten in Hamburg ermöglichen. Auch unsere Herzkammer soll dabei zu einem Ort kultureller Begegnungen werden.

Das sind unsere nächsten Termine: (Änderungen vorbehalten)

09.02.2019, 17 – 20 Uhr: Freizeitkultur: gemeinsamer Filmabend in der Herzkammer des Hamburger mit Herz e.V.

23.02.2019, 9:30 – 12 Uhr: Museum für Arbeit mit Museumsgespräch und eigenem Erproben von Arbeitsprozessen

Anmeldungen unter: kultur@hamburger-mit-herz.de

Wir freuen uns nicht nur über Teilnehmer, sondern auch über Ideen und Personen, die kulturelle Veranstaltungen betreuen oder sogar selbst durchführen möchten. Bei Interesse und Fragen gerne auch an: kultur@hamburger-mit-herz.de

von Katrin John

Im Rahmen ihrer Projektwoche „Fluchtpunkt Hamburg“ besuchten uns Schülerinnen und Schüler des Johanneums aus der Klassenstufe 8-11. Das Ziel des Projektes war, Begegnungen mit geflüchteten Menschen zu schaffen, Informationen über Fluchtursachen zu liefern und Vorurteile zu hinterfragen. Des Weiteren sollte ein Perspektivwechsel stattfinden, der Anregungen zur Mithilfe in Flüchtlingsinitiativen liefern soll. Die Jugendlichen besuchten in der Woche unterschiedliche Institutionen und Workshops.

Dabei ging es ganz praktisch um das miteinander Reden. Unsere Besucher kamen schnell in Kontakt mit den Geflüchteten und auf beiden Seiten war das gegenseitige Interesse groß.

Für ein gesellschaftliches Miteinander lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen und in den Dialog zu kommen, darin wurden die Schülerinnen und Schüler bestärkt. Wir danken für das Interesse, die Offenheit und den Weitblick! Kommt gern wieder, wir haben uns sehr gefreut!

Und auch die Schüler haben über ihr Projekt geschrieben: https://www.johanneum-hamburg.de/index.php/besondere-aktivitaeten-und-projekte/804-eine-herzensangelegenheit

Na, kommen Sie auch so langsam in WM-Stimmung, spüren Sie die Vorfreude auf perfekte Pässe, hart erarbeitete Torchancen und den krönenden Torjubel? Wir haben uns gefragt, welche Bedeutung Fußball in Äthiopien hat und sind für Sie auf die Suche gegangen.

Fußball gehört zu den beliebtesten Sportarten des Landes – obwohl Äthiopien international vor allem für mittlere und lange Laufdistanzen in der Leichtathletik bekannt ist. Denn obwohl die äthiopische Fußball-Nationalmannschaft eines der traditionsreichsten Teams des Kontinents ist, konnte sich die Mannschaft bisher noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren.

Doch das mindert das Interesse am Sport nicht im Geringsten: Fußball wird dort seit dem Jahr 1924 gespielt. Vermutlich wurde der Sport von europäischen Ausländern in der Hauptstadt Addis Abeba eingeführt.

Die verschiedenen politischen Veränderungen Äthiopiens spiegeln sich auch in der Fußballgeschichte des Landes wieder. 1935 gründeten junge Männer aus der Nachbarschaft der Kirche St. George mit der „Saint George Football Association“ den ersten Fußballverein Äthiopiens, der bis heute der erfolgreichste Fußballklub des Landes ist. Während der italienischen Besetzung von 1936 bis 1941 wurde den äthiopischen Mannschaften allerdings verboten, gegen europäische Teams zu spielen.

1943 wurde die „Ethiopian Football Federation“ gegründet, die 1953 der FIFA beitrat. Die ersten offiziellen Meisterschaftsspiele wurden 1944 ausgetragen. Nach der Machtübernahme durch Mengistu Haile Mariam wurden 1978 im Zuge seines diktatorischen Regimes alle Vereine aufgelöst und nach sozialistischem Vorbild durch Armee-, Hochschul- und politische Mannschaften ersetzt.

Die Nationalmannschaft Äthiopiens spielte ihr erstes Spiel 1947 gegen Dschibuti in Addis Abeba und gewann dieses mit 5:0. In ihren ersten Jahren spielte die äthiopische Nationalmannschaft eine wichtige Rolle im afrikanischen Fußball. Nach dem zweiten und dritten Platz gewannen die Äthiopier bei der 1962 zum dritten Mal ausgetragenen Afrikameisterschaft den Titel im eigenen Land.

Seit Ende der 60er blieben sportliche Erfolge nahezu aus. Die Nationalmannschaft zählte im afrikanischen Fußballverband zu den schwächsten. Für die Afrikameisterschaft war Äthiopien seitdem nur noch zweimal qualifiziert, für die Weltmeisterschaft nie. Trotz fehlender Erfolge der Nationalmannschaft, wird sie vom Großteil der Bevölkerung enthusiastisch unterstützt.

Die meisten Geflüchteten, die HAMBURGER*MIT HERZ in Hamburg bei der Integration unterstützt, stammen aus Eritrea. Eritrea ist ein kleines Land in Ost-Afrika mit nur 5 Millionen Einwohnern, aus dem jedes Jahr viele Tausend  fliehen. Ein Land, über das die Meisten nichts wissen. Warum fliehen Menschen von dort? Wie ist die Lage im Land? Dr. Nicole Hirt vom Institut für Afrikastudien am GIGA Hamburg hat viele Jahre in Eritrea gelebt, gearbeitet und darüber geforscht und hat uns ein paar Fragen beantwortet:

1. Jedes Jahr fliehen tausende Menschen aus Eritrea nach Europa und leben hier mit subsidiärem Schutzstatus. Aktuell ist dort kein Krieg. Wovor fliehen die Menschen? 

Nicole Hirt: Eritrea befindet sich zwar nicht im Krieg, aber in einem Zustand des „kalten Friedens“ mit Äthiopien. Beide Länder führten von 1998 bis 2000 einen verheerenden Grenzkrieg gegeneinander, dem bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Äthiopien weigert sich, ein nach internationalem Recht Eritrea zustehendes Grenzgebiet abzutreten, und die eritreische Regierung reagierte darauf mit der Militarisierung der gesamten Gesellschaft. 2002 wurde der Nationaldienst, eine Kombination aus Wehr- und Wiederaufbaudienst, von 18 Monaten auf unbestimmte Zeit verlängert, was bedeutet, dass Frauen derzeit von 18 bis 27 Jahren, Männer ab 18 bis zum Alter von 50 oder manchmal auch 60 Jahren gegen ein Taschengeld Dienst leisten müssen. Selbst Siebzigjährige müssen noch Militärtrainings absolvieren und werden bewaffneten Nachbarschaftsmilizen zugeteilt. Die Menschen fliehen vor einem Staat, der sie im Rahmen des Nationaldienstes zu quasi lebenslanger Zwangsarbeit verpflichtet.

2. Warum nehmen die häufig jungen Menschen lieber eine lebensgefährliche Flucht in Kauf, als zum Militärdienst zu gehen?

Beim eritreischen Militär- bzw. Nationaldienst handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen, zeitlich befristeten Dienst, sondern um systematische Zwangsarbeit. Mit 18 Jahren beginnt die militärische Ausbildung beispielsweise Trainingscamp Sawa, in dem gleichzeitig das 12. Schuljahr absolviert wird. Nach der Ausbildung geht der Dienst weiter: als Lehrer, medizinisches Personal, Plantagen- und Bauarbeiter – alle arbeiten fast kostenlos für den Staat und haben keine Chance, mit ihrem Sold eine Familie zu ernähren.

3.  Sie haben einige Jahre in Eritrea gelebt und gearbeitet. Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe u.a. Forschungen für meine Promotionsarbeit über die eritreische Entwicklungsstrategie nach der Unabhängigkeit betrieben und habe an der Universität Asmara unterrichtet. Als Ausländer das Land noch frei bereisen durften, bin ich viel herumgekommen und habe auch viele ländliche Regionen sowie eine schwer erreichbare Rotmeerinsel besucht. Ich habe mich über die Jahre mit Menschen in verschiedensten Lebensumständen unterhalten und konnte mir ein Bild von ihrem Alltag machen.

4. Wie haben Sie das Land und die Menschen wahrgenommen?

Eritrea ist ein landschaftlich sehr schönes Land mit großer kultureller Vielfalt und einem immensen Entwicklungspotential, das leider von der Regierung seit dem Krieg mit Äthiopien überhaupt nicht mehr genutzt wird. Durch die italienische Kolonialisierung sind viele Städte, vor allem die Hauptstadt Asmara, die unlängst zum UNESCO-Kulturwelterbe erklärt wurde, durch italienische Architektur geprägt. Die Hafenstadt Massawa, die durch die Osmanen geprägt wurde und ebenfalls über wunderschöne, schützenswerte Bauwerke verfügt, ist dagegen dem Verfall überlassen. Die neuen ethnischen Gruppen, die Eritrea bewohnen – etwa zur Hälfte Muslime und Christen – üben traditionell unterschiedliche Wirtschaftsformen aus: kleinbäuerliche Landwirtschaft im Hochland, eher nomadische Lebensformen in den Tiefländern. Entlang der 1000 km langen Rotmeerküste ist es extrem heiß, im Hochland herrscht dagegen moderates Klima. Das Leben auf dem Lande ist besonders für Frauen sehr mühselig, da oft Wasser und Holz über weite Strecken zu Fuß transportiert werden müssen. Das Leben der Bevölkerung wird seit 16 Jahren vom zeitlich unbefristeten Nationaldienst bestimmt, der ihnen autonomes Wirtschaften verwehrt. Sowohl die Subsistenzwirtschaft (Bedarfswirtschaft), von der ca. 80 Prozent der Bevölkerung lebten, als auch handwerkliche Betriebe und Fabriken leiden unter Arbeitskräftemangel, da die Menschen entweder im Nationaldienst arbeiten oder das Land verlassen haben.

5. Wie sieht es in den Bereichen Bildung und Gesundheit aus?

Die Regierung hat sich über die Jahre bemüht, die Gesundheits- und Bildungssektoren zu verbessern, aber da fast alle Lehrer und Gesundheitsfachkräfte heute Nationaldienstleistende ohne ausreichendes Gehalt sind, leiden beide Sektoren unter hoher Personalfluktuation und die Einschulungsraten sinken kontinuierlich. Das Land befindet sich in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale, von der es sich lange nicht erholen wird. Die Diaspora trägt derzeit mindestens ein Drittel zum Staatshaushalt bei und sichert zudem das Überleben im Land verbliebener Angehöriger.

6. Wie hat sich die Situation der Menschen in Eritrea in den letzten Jahren entwickelt?

Seit Einführung des zeitlich unbefristeten Nationaldienstes hat sich die Situation der Menschen extrem verschlechtert. Hunderttausende sind seither ins Ausland geflohen – die meisten in den Sudan und nach Äthiopien, viele arbeiten auf der arabischen Halbinsel – nur die wenigsten Geflüchteten erreichen Europa. Der UNHCR schätzt, dass etwa 5.000 EritreerInnen monatlich aus dem Land fliehen, obwohl dies ohne Ausreisevisum illegal ist und an der Grenze Schießbefehl herrscht. Andererseits sind korrupte Militärs in den Menschenschmuggel über die Grenze beteiligt.

7. Was müsste geschehen, damit sich die Lage im Land verbessert?

Besserung ist nur in Sicht, wenn das absurde System der lebenslangen Zwangsrekrutierung aufgegeben wird. Außerdem müsste die aktuell existierende Kommandowirtschaft liberalisiert werden, die auf staatlicher Zwangsarbeit beruht. Die Regierung ist jedoch nicht reformbereit und rechtfertigt das System mit der Bedrohung durch Äthiopien. In den letzten Jahren hat sich erwiesen, dass der Massenexodus das System stabilisiert, da die Geflüchteten verpflichtet sind, eine Diasporasteuer von 2 Prozent ihres Einkommens an die Regierung zu bezahlen. Zudem übernehmen sie die Versorgung ihrer Verwandten, die durch den Nationaldienst der Möglichkeit beraubt wurden, für sich selbst und ihre Kinder sowie für die ältere Generation zu sorgen. Die jetzige Regierung ist seit 1991 an der Macht, ohne dass jemals nationale Wahlen durchgeführt wurden. Solange sich an dieser Situation nicht ändert, wird die Massenflucht aus Eritrea weitergehen.

In der Hamburger Stiftungswoche vom 9. bis 13. Oktober wird die HERZKAMMER zum Raum für gute Taten. Täglich kann man von 13 bis 20 Uhr vorbeikommen, sich an der „Wand der guten Taten“ inspirieren lassen, ein Kärtchen mitnehmen und einfach etwas Gutes tun. Gemeinsam mit der Stiftung „Gute Tat“ wollen wir eine Woche lang zeigen, wie einfach Engagement sein kann.

Sozialsenatorin Melanie Leonhard hat schon mal angefangen, zu stricken:

Sea-Eye Team

Vergangenes Wochenende besuchten uns der Sea-Eye Gründer, Michael Buschheuer, und der Pressesprecher Hans-Peter Buschheuer in Hamburg. Gemeinsam sprachen wir über die aktuelle Situation auf dem Mittelmeer und erfuhren von den neusten politischen Entwicklungen in Italien. So wird derzeit über einen italienischen Einsatz im libyschen Hoheitsgewässer ratifiziert. Dieser sieht vor, Flüchtlinge in Gummibooten direkt nach dem Start an der Küste abzufangen, zurück an Land zu bringen und in neu errichtete Unterkünfte zu bringen. Der Lösungsansatz ist sehr fragwürdig aber zugleich sehr entscheidend für die NGOs auf dem Mittelmeer. Einen ausführlichen Bericht können Sie auf Reuters nachlesen: http://www.reuters.com/article/us-libya-security-italy-navy-idUSKBN1AC1PA

Mit unseren Freunden bei Sea-Eye nahmen wir an der Open-Air Vorführung unserer Dokumentation MINDEN REPLYING im Harburger Binnenhafen teil. Organisiert wurde das Event vom Kreisverband der Grünen. Es fand eine rege Diskussion mit Bundestagsmitglied Manuel Sarrazin, Sea-Eye Gründer Michael Buschheuer, dem 1. Vorsitzenden von HAMBURGER*MIT HERZ e.V. Gorden Isler und dem Filmemacher Maik Lüdemann statt.

MINDEN REPLYING beim Kulturkran

Am Sonntag fand eine weitere Vorführung unserer Dokumentation, in unserem neuen Büro statt. Wir durften rund 20 Personen in der „Herzkammer“ begrüßen. Michael Buschheuer erzählte uns seine Geschichte, wie er als Maler und Lackierer zum Gründer einer wichtigen NGO wurde.

Michael Buschheuer, der Gründer von Sea-Eye e.V. zu Gast in Hamburgs Herzkammer.

Posted by HAMBURGER MIT HERZ e.V. on Sonntag, 30. Juli 2017

 

Was ist MINDEN REPLYING?
Im vergangen November fuhren zwei unserer Mitglieder auf dem Seenotrettungskreuzer Minden mit. Sie drehten vor Ort eine Dokumentation über die Lage auf dem Mittelmeer und die Abläufe von Rettungseinsätzen. HAMBURGER*MIT HERZ setzt sich seither für Bildung zu der aktuellen Situation ein. Die Doku kann ab August gekauft oder geliehen werden. Für öffentliche Vorführungen bieten eine kostenfreie Vorführkopie an. Den Trailer zum Film finden Sie auf: http://minden-replying.de

Wer ist Sea-Eye?
Sea-Eye startete erst im Herbst 2015, als eine kleine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer beschloss, dem Sterben der Flüchtenden im Mi’elmeer nicht länger tatenlos zuzusehen. Die Initiative kaufte ein Schiff, einen alten Fischkutter, und rüstete ihn zum Zweck der Seenotrettung um. Das Schiff, inzwischen auf den Namen Sea-Eye getaut, ist seit April 2016 auf Beobachtungs- und Rettungsfahrt vor der Küste Libyens: Die einzige Aufgabe besteht darin, in Seenot Geratene und Ertrinkende zu retten, Hilfe herbei zu holen. Im Jahr 2016 konnten die Crews der Sea-Eye 5568 Menschen aus Seenot retten! Die Initiative ist inzwischen auf rund 500 Menschen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland angewachsen. Sie arbeiten ohne Bezahlung an dem Projekt Sea-Eye mit, verzichten auf Freizeit und Urlaub.

In dem betroffenen Seengebiet vor der Küste Libyens hält die Sea-Eye Ausschau nach seeuntüchtigen überfüllten Booten, die zu kentern drohen. Die Menschen werden mit Rettungswesten und Wasser versorgt, die Boote mittels Rettungsinseln entlastet. Schwerverletzte können an Bord der Sea-Eye in einer Krankenstation versorgt werden. Gleichzeitig wird ein SOS-Notruf an die Seenotleitstelle Mittelmeer in Rom abgesetzt. Nach internationalen Seerecht sind alle Schiffe, die sich in der Nähe befinden, verpflichtet, Schibrüchige aufzunehmen. Obwohl alle Helfer kostenlos an Sea-Eye mitwirken, ist der Verein auf Sach- und Geldspenden angewiesen. Das Projekt wird in diesem Jahr rund 500.000 Euro benötigen: Für Diesel, Flüge, Unterkunft, Rettungsmaterialien, Verpflegung, medizinisches Gerät, Elektronik. Weitere Infos unter: http://sea-eye.org